Heimat für Geflüchtete

Heimat für Fremde

Vor allem seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist Berkenthin wiederholt Heimat für Menschen geworden, die aus unterschiedlichen Gründen ihre angestammte Heimat verlassen mussten. Dabei denken wir zunächst an die große Fluchtbewegung am Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich die Einwohnerzahl Berkenthins durch die vielen Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nahezu verdoppelte. Dass Flucht und Vertreibung aber keineswegs der Vergangenheit angehören, zeigt unsere Gegenwart: Kriege, Hungernöte, Umweltkatstrophen führten dazu, dass in den letzten Jahrzehnten weltweit Millionen von Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Einige von ihnen fanden in unserem Ort eine neue Heimat. Das Schicksal einiger dieser Menschen soll in diesem Kapitel unserer Ortschronik nachgezeichnet werden, weitere solcher Lebenswege sollen folgen.

Einen ersten größeren Flüchtlingszuzug gab es  im Ersten Weltkrieg, als 100 Menschen aus dem von den Russen besetzten Masuren in den Dörfern der Kirchengemeinde Berkenthin untergebracht werden mussten. Diese Flucht war eine direkte Folge des Einfalls der russischen Armee gleich zu Beginn des ersten Weltkrieges in die Provinz Ostpreußen. Mehr als 400.000 Zivilisten verließen daraufhin teils panikartig ihre Städte und Dörfer und flohen gen Westen. So gut es ging, versuchten die unvorbereiteten preußischen Behörden die anfangs chaotische  Fluchtbewegung zu ordnen und organisierten die Unterbringung in den westlichen Provinzen des Reiches. So wurden alleine im südlichen Schleswig-Holstein ca. 21.000 Menschen untergebracht.

Als die 100 der Kirchengemeinde Berkenthin zugeordneten, „elend anzusehenden“  Flüchtlinge im Spätsommer 1914 hier ankamen, wurden die meisten von ihnen auf dem Gutshof Groß Weeden untergebracht, während nur 10 Personen in Groß und Klein Berkenthin verblieben.  Pastor Lüders konstatierte in seinen Aufzeichnungen, dass der Großteil seiner seelsorgerischen Arbeit in den folgenden Wochen der Fürsorge dieser „schwer geprüften Menschen“ galt. 

Das Herrenhaus Groß Weeden 2006 / Foto Lindenheim
Der Gutshof 1956 / www.rondeshagen.com

Als dann die von den Russen besetzten ostpreußischen Gebiete  nach der Schlacht von Tannenberg im Winter und Frühjahr 1915 zurückerobert worden waren, konnten auch die „Berkenthiner Flüchtlingen“ wieder in ihre Heimat zurückkehren. Sie fanden aber ein weitgehend verwüstetes Land vor. Die zweimal durch Ostpreußen ziehende Kriegslawine hatte alleine durch die Kampfhandlungen schwere Schäden hinterlassen. 100.000 Ostpreußen hatten ihre gesamte Habe verloren, 39 Städte und 1.900 Dörfer wurden zu mehr als 50% zerstört. 

Der Pastor selbst unterhielt über die Zeit der Unterbringung hinaus zu einigen der Heimkehrer einen intensiven Briefverkehr, in dem sich diese für seine fürsorgliche Aufnahme in Berkenthin bedankten.

Während die Flucht 1914 bei aller persönlichen Tragik noch vergleichsweise überschaubare Ausmaße hatte und die meisten Geflüchteten 1915 in ihre Heimat zurückkehren konnten, setzte am Ende des Zweiten Weltkrieges eine ungleich größere Fluchtbewegung ein. Für viele Heimatvertriebene  aus den ehemals deutschen Ostgebieten wurde Berkenthin neue Heimat. 

In dem Kapitel über den Zweiten Weltkrieg dieser Chronik haben Sie etwas darüber erfahren, wie während der letzten Kriegswochen täglich Tausende von Menschen meist auf Pferdegespannen den Ort in Richtung Westen passierten. Die Flucht und Vertreibung Deutscher aus den deutschen Ostgebieten und aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa während und nach Ende des  Krieges in den Jahren 1945 bis 1950 umfasste große Teile der dort ansässigen deutschsprachigen Bevölkerung. Sie betraf rund 12 bis 14 Millionen Menschen. Sie war eine Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft  und der Gebietsverluste des Deutschen Reiches, die die Siegermächte  auf der Potsdamer Konferenz 1945 festlegten.

Flüchtlingsmarsch in Ostdeutschland 1945 / Public Domain via Wikimedia Commons

Eine der Hauptrouten, auf denen sich die Flüchtlingstrecks von Mecklenburg nach Schleswig-Holstein hinein bewegten, führte von Gadebusch über Ratzeburg und Berkenthin weiter in Richtung Bad Oldesloe. Die meisten Trecks machten in Berkenthin zunächst nur kurze Rast oder blieben hier für eine Nacht, um dann in ihre Bestimmungsorte weiterzuziehen. Vor allem nach der Kapitulation, als jede staatliche Lenkung der Flüchtlingsströme entfiel, blieben viele der Geflüchteten einfach in dem Ort, konnten sie sich hier doch zunächst  in Sicherheit vor der anrückenden Roten Armee wähnen. Der Elbe-Trave-Kanal galt lange Zeit gerüchteweise als ausgemachte Demarkationslinie zwischen der sowjetischen Siegermacht und den Westalliierten. Zu den Heimatvertriebenen aus dem Osten waren bereits vor Kriegsende viele Ausgebombte, vor allem aus Hamburg, aber auch aus anderen Städten gekommen.  Man traf damals, so eine zeitgenössische Aussage, auf den Straßen mehr Fremde als Einheimische! Dabei wurden diese nicht immer und überall bereitwillig und freundlich aufgenommen. Vor allem Konflikte um den knapp gewordenen Wohnraum  waren an der Tagesordnung. Lesen Sie dazu unser Kapitel über die ersten Nachkriegsjahre!

Das ehemalige RAD-Lager diente unmittelbar nach dem Krieg als Flüchtlingsunterkunft.

Tatsächlich stieg die  Einwohnerzahl Berkenthins, die vor dem Krieg einschließlich der damals zugehörigen Dörfer Gödenitz und Hollenbek knapp über 800 betragen hatte,  auf weit über 2000 in den Jahren 1945 und 46. Im Rahmen der Umsiedlungsprogramme nach dem Krieg wurden viele Geflüchtete in den folgenden Jahren in die industriellen Gegenden West- und Südwestdeutschlands umgesiedelt, aber viele blieben und fanden hier dauerhaft eine neue Heimat. War man zunächst äußerst notdürftig in den fremden Wohnungen, Scheunen und Ställen oder auf Sälen oder im ehemaligen RAD-Lager untergekommen, entstanden  in den nächsten Jahren und  Jahrzehnten neue Häuser und ganze Siedlungen, die das Bild des Ortes veränderten.

Die neu angelegte Hamburger Straße in Klein Berkenthin wurde in den 40er Jahre Heimat für „Ausgebombte“ aus Hamburg. Hier das Haus Nr.12 im Jahre 1956.

Der Name „Hamburger Straße“ erinnert beispielsweise heute noch daran, dass hier Hamburg-Evakuierte eine neue Heimat fanden. Woanders, z.B. im Drosselweg, entstanden mit Hilfe staatlich geförderter Wohnungsbauprograme  noch in den 60er Jahren kleine landwirtschaftliche Nebenerwerbssiedlungen  für Heimatvertriebene.

Noch heute lassen einige Häuser im Drosselweg aus den 60er Jahren die ursprüngliche Nutzung als kleine Nebenerwerbsbetriebe erkennen, zu sehen an den kleinen Stallanbauten..

In den folgenden Kapiteln haben wir zunächst nur  einige dieser Flüchtlingsschicksale porträtiert, die hier seit Jahrzehnten heimisch sind. Andere Lebensgeschichten könnten mit Ihrer Hilfe folgen. Tatsächlich gibt es in Berkenthin heute nur wenige Familien, die nicht  irgendwo Heimatvertriebene unter ihren Vorfahren haben.

Die Flucht aus Letschin

Die vielen noch bekannte inzwischen verstorbene Groß Berkenthinerin Gisela Sperling  wurde 1923 in Letschin im Oderbruch geboren, einem lange Zeit landwirtschaftlich geprägten Ort, der aber mit seinen Geschäften, Schulen im späten 19. Jahrhundert  kleinstädtischen Charakter erhielt. Das Wahrzeichen des Ortes war seit 1905 ein Standbild Friedrichs II., der im 18. Jahrhundert die Trockenlegung des Oderbruch verfügt hatte.

Ein Wahrzeichen Letschins
Das 1905 eingeweihte Standbild Friedrichs II.

Aus dem Ort stammten noch weitere später in Berkenthin ansässig gewordene Familien,  so die Familie Tilicke und die Familie Haake. Der Ort Letschin hänge an vier „Ha(a)ken“, habe es damals geheißen, erinnerte sich Gisela Sperling im Gespräch humorig. Damit spielte sie darauf an, dass es mehrere Linien der wohlhabenden Familie Haake in dem Ort gab, die in den verschiedenen Ortsteilen entsprechend große Häuser bewohnten.   1945 lebte sie selbst  noch als junges Mädchen auf dem  ca. 30 Morgen großen Bauernhof ihrer Eltern.  Sie  hatte Hauswirtschaft gelernt und träumte davon, auf  die Schule in  Frankfurt  / Oder zu gehen, mit dem Ziel, eines Tages Mamsell in einem großen Haushalt zu werden. Schon seit der Jahreswende 1944/45  hatten immer wieder Flüchtlingstrecks aus den deutschen Ostgebieten auf der Flucht vor der Sowjetarmee den Ort in Richtung Westen passiert, bevor man schließlich selbst in die Frontlinie der Schlacht um Berlin zu geraten drohte. In den Monaten März und April machten sich nun auch mehr und mehr Familien aus Letschin selbst auf die Flucht. Aber Giselas Vater zögerte noch. Sie erinnerte sich, dass sie im Frühjahr noch zusammen mit ihrem Vater die Felder bestellt habe. Und auch der jüngere Bruder Arno wurde noch  in seiner Heimatgemeinde konfirmiert, obwohl die Rote Armee bereits am Ostufer der Oder für den Sturm auf Berlin Stellung bezogen hatte. Erst unmittelbar vor dem Beginn der Schlacht um die Seelower Höhen, die am 16. April 1945 begann, verließ schließlich auch die Familie, zu der neben den Eltern und zwei Geschwistern die Großeltern gehörten, die damals schon über 80 Jahre alt waren,  ihren angestammten Besitz. Nur das unbedingt zum Leben Nötige wurde auf die 2 Leiterwagen geladen: Lebensmitte, darunter Töpfe und Kannen mit Sirup, Fett und Zucker, Kleidung und Bettzeug. Aber auch Futter für die vier Pferde musste mitgenommen werden.  Frau Sperling wusste noch, dass sie und ihre Schwester auch noch ihre Fahrräder mitnahmen, auf denen sie während der Flucht häufig neben den Leiterwagen herfuhren, was aber wegen der oft ausschlagenden Pferde nicht ganz ungefährlich war. Ansonsten wurden  die Räder hinten an die vollgeladenen Fuhrwerke gebunden.  Da die wichtigsten Straßen den Militärfahrzeugen vorbehalten waren, bewegte sich der Treck, in den man schließlich eingebunden war, meist  auf kleineren Nebenwegen immer weiter nach Westen, lediglich kaum mehr als einen Tag vor den anrückenden Russen und immer in Furch vor angreifenden Tieffliegern. Aber man kam nur langsam voran, oft staute sich der Teck und man kam  stundenlang nicht von der Stelle. Nachts wurde in Scheunen, in Ställen oder auf Heuböden geschlafen, und wenn man Glück hatte, konnten die Frauen in den Küchen der Bauernhäuser etwas zu essen kochen. Zumindest mit dem Wetter hatte man Glück, da das Frühjahr 1945 außergewöhnlich mild war, so dass man immerhin nicht zu frieren brauchte.

Die Original-Fluchtkarte
Aufgrund des Maßstabes dürfte sie den Flüchtenden kaum mehr als eine grobe Orientierung gegeben haben.

Zu den schlimmsten Erinnerungen der Flucht gehörte für Gisela Sperling der Anblick vieler gestorbener oder getöteter KZ-Häftlinge in den Straßengräben. Sie stammten wahrscheinlich aus dem ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, welches in den Morgenstunden des 21. April 1945, als die Rote Armee nur noch wenige Kilometer entfernt war, von der SS geräumt wurde. 33.000 waren  in Gruppen von 500 Häftlingen nach Nordwesten in Marsch gesetzt. Viele Häftlinge, die am Tag zwischen 20 und 40 Kilometer marschieren mussten, starben an Entkräftung oder wurden von der SS erschossen.  Frau Sperling  erinnerte sich, dass sie als junges Mädchen ahnungslos ihre Mutter fragte: „Mama, warum liegen diese Menschen in den Gräben?“

Nach Tagen der Flucht,  Gisela Sperling  konnte nicht mehr genau sagen, wie lange man unterwegs war, wurde der Treck in der Nähe von Wittenberge von der Roten Armee eingeholt und zunächst an der Weiterfahrt gehindert. Man verbrachte tagelang auf  freiem Feld, wobei man keinerlei Vorstellung davon hatte, wie es weitergehen würde. „Man hat nur von einem Tag auf den anderen gedacht“, so Frau Sperling. Aber immerhin erinnerte sie sich an keinerlei gewalttätige Übergriffe der gefürchteten Sowjetsoldaten auf Flüchtlinge. Groß war die Freude aber, als man hier alte Bekannte aus dem Heimatort wiedertraf, nämlich die Familien Haake und Tilicke, die es offensichtlich über andere Fluchtwege in dieses Lager bei Wittenberge verschlagen hatte. Man beschloss von nun zusammen zu bleiben. Und tatsächlich wurde ihnen nach Tagen des Wartens erlaubt weiter zu ziehen, bis dann in der Hagenow der Treck wieder für Tage stockte. Inzwischen war der Krieg vorbei, aber für die Bevölkerung war noch unklar, wo letztendlich die Demarkationslinie  zwischen Russen, Amerikanern und Engländern verlaufen würde. Immerhin befand  man sich inzwischen im britischen Besatzungsgebiet, aber Gerüchte besagten, dass die endgültige Demarkationslinie weiter nach Westen verlegt werde. Also ging es im Treck in Furch vor den Übergriffen der Sowjetsoldaten weiter nach Westen, nach Schleswig-Holstein, wo man zu Verwandten wollte. Über verstopfte Straßen passierte man Ratzeburg weiter in Richtung Oldesloe.  In Berkenthin,  so erinnerte sich Gisela Sperling an ihre ersten Eindrücke, ging es dann nicht weiter, weil die britische Besatzungsmacht die Brücken über den Elbe-Lübeck-Kanal  für Flüchtlinge gesperrt hatte, offensichtlich um den nicht enden wollenden Flüchtlingsstrom in die eigene Besatzungszone zu regulieren.  Obwohl die Familie eigentlich geplant hatte, weiter ins Landesinnere  zu fahren, ging es auch nach tagelangem Warten nicht weiter. Statt dessen wurde der Treck in Kählstorf auf verschiedenen Bauernhöfen untergebracht. Damit endete die Flucht eher zufällig in Berkenthin! 

Weit verbreitet war in diesen Tagen die Auffassung, die Rote Armee würde sich bald wieder hinter die Oder zurückziehen und man würde wieder in die Heimat zurückkehren können. Aber die Hoffnung erfüllte sich nicht.  So wurden die Letschiner Familien schließlich in Berkenthin  sesshaft. Hier gründete  auch Gisela Sperling ihre Familie, die inzwischen seit Jahrzehnten im Ort ansässig ist.

(Aufgezeichnet nach einem Gespräch 2019)

Von Niederschlesien nach Berkenthin

Das Haus im Drosselweg, – seit langem neue Heimat für Christa Rodemann nach ihrer Flucht aus Schreibersdorf

Christa Rodemann, geborene Schober, heute seit vielen Jahren im Drosselweg in Klein Berkenthin lebend, strandet mit ihrer Familie nach dem Krieg nach einer langen Odyssee zunächst in Göldenitz und schließlich in Berkenthin. Sie stammte aus Schreibersdorf, einem langgestreckten, 7 km langen Straßendorf im ehemaligen Landkreis Lauban in Niederschlesien, das bereits vor dem Krieg an die 2000 Einwohner hatte. Dort wurde sie 1933 geboren und dort verbrachte sie zusammen mit vier Geschwistern ihre Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof.  Zur Zeit der Flucht war der älteste Bruder irgendwo als Soldat im Krieg, ein anderer Bruder war mit 17 Jahren  in den letzten Kriegswochen gefallen, nachdem er, nur notdürftig ausgebildet, mit anderen seines Jahrgangs an die Ostfront geworfen worden war. Eine ältere Schwester war seit Jahren beruflich in Berlin tätig.

Im Winter 1944 /45 wurde Niederschlesien Kampfgebiet. Im Februar 1945 wurde dann die Stadt Lauban  zum großen Teil von der Roten Armee eingenommen, wurde aber im März von deutschen Truppen zurückerobert. Deshalb inszenierte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hier, nur  wenige Kilometer von Schreibersdorf entfernt, seinen letzten berühmten Wochenschauauftritt mit den damals üblichen Durchhalteparolen. Nach Kriegsende wurde Schreibersdorf von der sowjetischen Besatzungsmacht unter polnische Verwaltung gestellt und heißt heute Pisarzowice.

Als sich die Front dem Ort näherte,  machte sich die Familie Schober wie andere Familien aus dem Ort auf die Flucht vor der anrückenden Roten Armee. Nur unbedingt  zum Überleben Notwendiges hatte man auf einen Wagen geladen, der mit einer Plane überspannt war und von zwei Pferden gezogen wurde. Neben der Mutter und einer Schwester mussten auch noch die weit über siebzig Jahre alte Oma sowie eine Tante und ein Cousin  Platz finden.  Der Vater war zum Volkssturm eingezogen worden und musste deshalb im Ort bleiben, er fand erst lange nach dem Krieg wieder zu seiner Familie zurück. Christa Rodemann erinnert sich, dass man sich am 13. Februar 1945 auf die Flucht machte, just an dem Tag, an dem die Stadt Dresden von britischen und amerikanischen Bombern in Schutt und Asche gelegt wurde.  Und sie weiß noch, wie der Treck später an der noch brennenden und qualmenden  Stadt vorbeikam.

Man hatte sich den Wagen des benachbarten Gutes angeschlossen, dessen Besitzer Rohwedder aus Reinsdorf in Mecklenburg stammte und sich in das Gut eingeheiratet hatte. Dieser führte nun die Wagen des kleinen Trecks quer durch Mitteldeutschland in seine alte mecklenburgische Heimat. Zu dem kleinen Treck gehörte   u.a. auch die  ebenfalls aus Schreibersdorf stammende Familie Meissner, die auch in Gödenitz und dann in Berkenthin ansässig wurde. Manfred Meissner gründete hier später das gleichnamige Baugeschäft. Man fuhr tagsüber, zunächst an der Elbe entlang immer in Richtung Norden. Übernachtet wurde auf Höfen oder in Scheunen oder in Turnhallen. Manchmal fuhr die Mutter auf dem Fahrrad, das man mitgenommen hatte, dem Treck voraus, um nach einer geeigneten Unterkunft für die Nacht Ausschau zu halten.

Am 9. März kam man immerhin wohlbehalten in dem kleinen Ort Reinsdorf in der Nähe von Neukloster an, wo der ganzen Familie Schober in kleines Zimmer zugewiesen wurde. Hier in dieser Enge starb dann die alte Großmutter, die noch auf dem Friedhof in Neukloster beerdigt wurde. Aber damit war die Flucht noch nicht zu Ende. Ende April ging es weiter, immerhin war unklar, wo später einmal die Demarkationslinie zwischen den Besatzungsmächten verlaufen würde. Christa Rodemann erinnert sich noch heute, dass es immer auf der ehemaligen Reichsstraße 208 an Wismar vorbei immer weiter nach Westen ging. Man landete schließlich in Klein Thurow, das damals noch als eigenständige Gemeinde zum Herzogtum Lauenburg  gehörte. Und genau durch diesen Ort verlief auch zunächst die Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und der britischen Besatzungsmacht, wobei die Flüchtlinge aus Schreibersdorf im britischen Teil des kleinen Ortes untergebracht wurden. Man verbrachte den ganzen Sommer 1945 zunächst in einer Scheune, später wurde der Familie ein Zimmer zugewiesen. Aber auch an eine lustige Begebenheit in dieser schweren Zeit erinnert sich Christa Rodemann:  Als Kind konnten sie und ihre Altersgenossen  beobachten, wie  im russisch besetzten Teil des kleinen Dorfes russische Soldaten versuchten, dass Fahrradfahren zu lernen und dabei immer wieder zu Fall kamen. Noch Jahrzehnte später erinnert sie sich amüsiert an die ungelenken Versuche, die sich dort unter ihren Augen abspielten.

Im November des Jahres wurde dann zwischen den Besatzungsmächten in dem Barber-Ljaschtschenko-Abkommen der Tausch von Gebieten östlich des Ratzeburger Sees und des Schaalsees vereinbart. Auf diese Weise kamen die Nachbargemeinden Ratzeburgs – Ziethen, Mechow, Bäk und Römnitz – am 26. November 1945 zum Kreis Herzogtum Lauenburg und von der sowjetischen Besatzungszone zur britischen Besatzungszone. Sie gehörten zuvor zum mecklenburgischen Landkreis Schönberg. Im Austausch kamen die lauenburgischen Gemeinden Dechow, Groß und Klein Thurow und Lassahn zur sowjetischen Besatzungszone. Das Abkommen sah vor, dass die Räumung der Gebiete am 28. November 1945 um 13 Uhr Berliner Zeit beendet sein musste. Die Aussicht, damit unter die Kontrolle der Roten Armee zu kommen, veranlasste die im Ort untergebrachten Flüchtlinge zusammen mit vielen Bewohnern des Ortes, die Flucht fortzusetzen. Inzwischen hatte auch die Familie Schober keine Pferde mehr, Tochter Christa  erinnert sich nicht, was mit ihnen geschehen ist. Aber immerhin war diese letzte Fluchtetappe von höherer Stelle organisiert worden, denn sie wurden zusammen mit anderen Flüchtlingsfamilien mit Pferdegespannen aus Göldenitz abgeholt. Dort angekommen war auch ihre Unterbringung organisiert, und zwar wurde der ganzen Familie ein Zimmer bei Bauer Kahts zugeteilt. Hier in Göldenitz endete denn auch vorläufig die Flucht aus der Lausitz.

Bauherr Gerhard Rodemann re. 1964

Im Laufe der folgenden Jahre normalisierte sich unter schwierigen Umständen so langsam das Leben der Flüchtlinge in der neuen Heimat. Die versprengten Familienmitglieder fanden wieder zusammen und auch der Vater  stieß nach einem eigenen schwierigen Weg wieder zur Familie. Der Vater arbeitete in der Landwirtschaft und später im Sägewerk Rave und Christa beendete ihre Schullaufbahn an der Berkenthiner Schule. Sie erinnert sich noch an die Lehrer Kara, Dresow und Lübcke, den sie in besonders positiver Erinnerung behalten hat. Konfirmiert wurde sie von dem strengen Pastor Bluck. Nach der Schule war sie in „Stellung“ auf verschiedenen Höfen, u.a. in Göldenitz und in Klinkrade. An eine  Berufsausbildung  für ein junges Mädchen war in diesen Jahren nicht zu denken, man war froh, wenn man überhaupt eine Anstellung fand und sein Auskommen hatte. Immerhin hatte man in der Landwirtschaft keinen Hunger zu erleiden.

Jahre später lernte sie ihren Ehemann Gerhard Rodemann kennen. Die Familie Rodemann stammte ursprünglich aus Mecklenburg, hatte dann während des Krieges im Warthegau gelebt und war durch die Wirren am Ende des Krieges ebenfalls in Schleswig-Holstein gestrandet.

Richtfest im Drosselwg

1964 konnte das Ehepaar  im Drosselweg in Klein Berkenthin ihr Haus bauen, in dem Christa heute immer noch lebt. Es war eins von insgesamt 7 baugleichen Häusern, die alle im Rahmen eines Programms zum Bau von Nebenerwerbssiedlungen errichtet wurden. Der Drosselweg selbst wurde damals für dieses Siedlungsprojekt neu angelegt.  Die Häuser waren geflüchteten Landwirten vorbehalten, so dass das Grundstück auch offiziell nur von Vater Schober gekauft werden konnte.  Zu allen Häusern gehörten ein großes Grundstück und ein kleiner Stall, der u.a. die Haltung von Schweinen erlaubte, wodurch die Selbstversorgung der Familien gewährleistet werden sollte. Da das Geld in dieser Zeit bei allen Bauherren knapp war, musste viel in Eigenleistung geschafft werden. So schachtete Gerhard Rodemann zusammen mit seinem Schwiegervater in mühevoller Handarbeit den Keller seines Hauses mit Schaufel und Spaten aus.

Gerhard Rodemann und Schwiegervater Schober bei Bau des Garagentores

Grundsätzlich wurden die Häuser aber nacheinander von denselben Baufirmen ausgeführt. Heute sind die Häuser der ehemaligen Bauherren Gerhard  Rodemann, Willy Rodemann, Zander, Tew, Bockwoldt, Kaulke und Haake in der Regel verändert und modernisiert worden, aber die ehemalige landwirtschaftliche Nebenerwerbssiedlung ist immer noch zu erkennen. Alle diese Familien hatten in Berkenthin eine neue Heimat gefunden.

(Aufgeschrieben nach einem Gespräch im September 2023)

Dass Flucht und Vertreibung keineswegs der Vergangenheit angehören, zeigen die letzte Jahre. Kriege, Hungernöte, Umweltkatstrophen führten dazu, dass in den letzten Jahrzehnten weltweit Millionen von Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Vor allem mit Beginn des dortigen  Bürgerkrieges setzte 2011 eine starke Fluchtbewegung aus Syrien nach Europa ein. Einen Höhepunkt erreichte die Flüchtlingswelle in Europa dann 2015, als Hunderttausende von Schutzsuchenden, vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, nach Deutschland kamen und Bund, Länder und Kommunen vor gewaltige Herausforderungen stellten. So auch das Amt Berkenthin, das eine große Zahl von Geflüchteten unterbringen und versorgen musste. Anders als nach der Flucht und Vertreibung nach 1945 bestand eine besondere Schwierigkeit nun darin, Mensch aus völlig anderen Kulturen in unsere Gesellschaft zu integrieren. Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf  die Ukraine im Februar 2022 fanden dann noch einmal über eine Millionen Menschen aus diesem schwer geprüften Land in Deutschland Aufnahme.

Der Sonderweg des Amtes Berkenthin

Die Hauptlast der Unterbringung und Versorgung der vielen Geflüchteten lag und liegt bei den Kommunen des Landes. Das Amt Berkenthin mit seinen 11 Gemeinden war dabei von Anfang an um Sinne einer nachhaltigen Integration um eine dezentrale Unterbringung dieser Menschen bemüht. Statt der Aufstellung von Wohncontainern versuchte man vor allem durch die Anmietung von Wohnraum in den Dörfern den heimatlosen Menschen eine Bleibe zu schaffen. Alleine im Jahr 2016 sollte  das Amt laut Bedarfsplanung 158 Personen unterbringen. Als dann 2015 Pläne des Landes Schleswig-Holstein bekannt wurden, auf dem Gelände der ehemaligen Diskothek im Rondeshagener Ortsteil Groß Weeden ein Erstaufnahmelager mit 1500 Plätzen zu errichten, erhob sich in allen Amtsgemeinden Widerstand.  

Dabei richtete sich der Unwille nicht grundsätzlich gegen die Einrichtung eines solchen Lagers: Die Flüchtlinge sollten dort in 375 Wohncontainern untergebracht werden. Vielmehr widersprächen diese Pläne, so der damalige Amtsvorsteher Karl Bartels aus Klempau, dem eigenen Konzept einer nachhaltigen, auf Integration gerichteten Unterbringung und Betreuung. Der kleine Ortsteil Groß Weeden mit seiner nicht vorhandenen Infrastruktur und nötigen Verkehrsanbindung, noch dazu ohne jegliche Begegnungsstätten schien vollkommen ungeeignet für die Aufnahme so vieler Menschen. In Verfolgung dieser Linie entschied der Amtsausschuss in seiner Sitzung vom 25. Oktober 2015 dem derzeitigen Besitzer das Gebäude und umliegendes Gelände der ehemaligen Großraumdiskothek abzukaufen. Im Folgejahr wurden dann auf dem Grundstück  in eigener Regie fünf Doppelhäuser für Flüchtlinge und Familien errichtet, seitdem leben dort ständig etwa 60 Menschen unterschiedlicher Herkunft. Ein Teil des Diskothekgebäudes diente dem Amt in der Folgezeit vorübergehend als Fahrradwerkstatt sowie als Kleiderkammer für Flüchtlinge und Bedürftige, wurde dann aber 2019 an einen privaten Investor verkauft.

Die auf dem Gelände der ehemaligen Diskothek 2016 errichteten fünf Doppelhäuser für die Unterbringung von Geflüchteten und Familien

Zu dem  erweiterten Flüchtlingskonzept des Amtes hieß es damals in einer Presseverlautbarung des Amtsvorstehers vom 26.10.2025:

„Unsere Dorfgemeinschaftshäuser sind die zentralen Begegnungsstätten und sowohl für das kulturelle Leben als auch unsere Gemeinde- und Vereinsarbeit unverzichtbar. Außerdem sollen sie im Rahmen der Integration von Flüchtlingen, z. B. zur Durchführung von Sprachkursen, genutzt werden. Wir sind daher froh, mit dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Groß Weeden jetzt einen anderen Weg gefunden zu haben, um unser Konzept zur Unterbringung und Betreuung der zu uns kommenden Flüchtlinge umzusetzen.“

Die ganze Aktion sorgte damals für bundesweite Schlagzeilen.

Gelebte Willkommenskultur

Bereits 2014 gründete eine Gruppe um die ehemaligen Koordinatoren Annelie Tesche, Andrea Fernandes und Marc Hamdorf den „Runden Tisch für Willkommenskultur“ in Berkenthin, um die ankommenden Flüchtlinge in ihrem Alltag zu unterstützen. Die ehrenamtliche Initiative der Kirchengemeinde hilft seitdem unter anderem beim Ausfüllen von Formularen, bei Sprachkursen, der Wohnungssuche sowie im Umgang mit Behörden.  In den Jahren danach entwickelte sich insbesondere das Sprachcafé zu einem sozialen Treffpunkt, wo beim gemeinsamem Essen und Spielen neue Kontakte geknüpft werden konnten.

In der Folge erhielt der „Runde Tisch für Willkommenskultur Berkenthin“ für seine Integrationsarbeit mehrere bedeutende Auszeichnungen:
So wurde die Initiative  am 13. Dezember  2016 im ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Deutschen Bürgerpreis 2016 ausgezeichnet. Sie erhielt den zweiten Preis in der Kategorie „Alltagshelden“ und durfte sich über ein Preisgeld von 2.500 Euro freuen. Die Auszeichnung wurde  jährlich von einem Bündnis aus engagierten Bundestagsabgeordnete, den Städten, Landkreisen und Gemeinden Deutschlands sowie den Sparkassen vergeben. Der entsprechende Bürgerpreis 2016 für Schleswig-Holstein ging bereits am 2. November an den „Runden Tisch“.
Preisverleihung in Berlin v.li. Udo Schlünsen, Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg, Andrea Fernandes, Annelie Tesche, Mark Hamdorf – alle Runder Tisch – und Christof Ipsen, Sparkassen- und Giroverband SH / Foto O. Jens, Stecknitz Post März 2017
 
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Die letzten Tage vor dem Krieg

Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf  die Ukraine im Februar 2022 fanden zusätzlich zu den anderen Flüchtlingen aus aller Welt noch einmal über eine Millionen Menschen aus der Ukraine in Deutschland Aufnahme. Auch für einige von ihnen ist seitdem Berkenthin neue Heimat geworden, wie das folgende Beispiel der jungen Familie D. aus dem ukrainischen Tschernigiw zeigt, über deren dramatische Flucht wird an dieser Stelle berichten wollen.

Zu Beginn des Krieges im Jahr 2022 lebten in der 280.000 Einwohner-Stadt  Tschernihiw  nordöstlich von Kiew der Kfz-Mechaniker Oleksandr  und seine Frau Viktoriia, die eigentlich Floristin war, in den letzten vier Jahren jedoch als Buchhalterin bei einer Kirchengemeinde gearbeitet hatte. Zu ihrer Familie gehörten die damals 14-jährige Tochter A. und die 8-jährigen Zwillingen R. und M. Schon einige Wochen und Monate zuvor war in den Medien ständig von einem möglichen umfassenden Krieg die Rede, doch wie Viktoriia und Oleksandr sich einige Jahre später erinnerten, wollten sie das einfach nicht glauben. Der Krieg war zwar schon seit 2014  in der Ukraine, aber irgendwo weit weg, wie es ihnen damals schien. Ein groß angelegter Angriff seitens des „brüderlichen russischen Volkes“ lag jenseits aller Vorstellung. Im Gegenteil, sie hielten diese Warnungen für amerikanische Propaganda und Einschüchterung, da sie offiziellen Erklärungen seit vielen Jahren skeptisch gegenüberstanden.  Später erinnerte sich Viktoriia daran, dass sie selbst am 16. Februar, als die amerikanischen Nachrichten vor dem unmittelbar bevorstehenden Beginn des Angriffs warnten, zusammen mit ihren Kindern und Freunden zur lang ersehnten, nun eröffneten Eislaufbahn ging: „Wir sind Schlittschuh gelaufen, haben das Leben genossen, Fotos gemacht und Videos gedreht. All das zeigt, wie unbeschwert wir an diesem Tag waren. Wie sehr wir uns freuten, dass sich die Prognosen der Amerikaner offenbar als falsch erwiesen hatten.“ Ein Krieg im demokratischen 21.Jahrhundert, noch dazu mit Russland, mit dem die Ukraine eine lange gemeinsame Geschichte verband, schien vielen zu diesem Zeitpunkt  undenkbar. Doch am Vorabend der tatsächlichen Invasion am 23. Februar überkam Viktoriya  während eines Abendspaziergangs mit ihrem Vater und den Kindern dennoch eine düstere Vorahnung: „Was, wenn …?“

 Tschernihiw wird zum Kriegsgebiet

Am Morgen des 24. Februar 2022, dem Tag des Angriffs, wurde die Familie um 5:00 Uhr von einer Sirene geweckt. Kurz zuvor hatte die russische Armee ohne Vorwarnung die nördliche Grenze der Ukraine überschritten und bewegte sich in Richtung Kiew offenbar in der Annahme, mit einem Überraschungsangriff einen Machtwechsel in der Hauptstadt herbeiführen zu können. Bilder von langen Militärkolonnen auf der Autobahn gingen damals um die ganze Welt. Da Tschernihiw, etwa 130 nordöstlich von Kiew gelegen, auf dem Weg des russischen Vormarsches lag, geriet die Stadt von Anfang an ins Visier der russischen Luftwaffe und Artillerie.

Bilder der Zerstörung, aufgenommen wenige Tage nach Beginn des Krieges

Die Familie D. besaß ein Haus in einem kleinen Ort ganz in der Nähe, in dem Oleksandrs Vater lebte. Gleich am ersten Tag brachten die Eltern die Kinder dieses Dorf. Damals schien das eine gute Entscheidung zu sein, man glaubte die Kinder in Sicherheit und kehrte selbst in die Stadt zurück. Sie dachten wie viele Leute, dass alles schnell vorübergehen würde und dass man den alleinstehenden älteren Menschen, die zu ihrer Kirchengemeinde gehörten, irgendwie helfen müsste. Doch die Explosionen hörten nicht auf, und Viktoriia und Oleksandr mussten sich zusammen mit den anderen Bewohnern die ganze Zeit im Keller ihres fünfstöckigen Wohnhauses in Tschernihiw verstecken. Als ihnen klar wurde, dass es nirgendwo einen sicheren Ort gab und dass es unter solchen Umständen einfach nicht möglich war, den älteren Menschen zu helfen, beschlossen sie, zu ihren Kindern zu fahren. Glücklicherweise wurde die von Soldaten gesperrte Brücke, die aus Tschernihiw heraus führte, für Stadtbewohnern vorübergehend  freigegeben, damit diese die Stadt verlassen konnten.

Die Kinder verbrachten die ganze Zeit im Keller des Hauses in dem kleinen Dorf.

Außerdem kamen Viktoriias Cousine mit ihren beiden Töchtern, ihrer Mutter und ihrer Schwiegermutter in das Haus im Dorf an. Der Ehemann der Cousine war bereits am ersten Tag in den Krieg gezogen. Oleksandr, Vater von drei Kindern, war vom Kriegsdienst befreit und konnte so fünf Kinder und vier Frauen retten, die er später aus der Ukraine herausbrachte. Während in den folgenden Tagen erbitterte Kämpfe um die Stadt und um das Dorf tobten, blieben die Kinder die ganze Zeit im Keller – inmitten des Lärms ständiger Explosionen und in ständiger Angst. Nur um auf die Toilette zu gehen und das Essen zuzubereiten, trauten sie sich, kurz ins Haus hinaufzugehen. Als jedoch einige Tage später Flugzeuge begannen, Stadt und Dörfer mit Bomben zu bewerfen, und eine dieser Bomben ein Haus traf, dessen Bewohner unter den Trümmern begraben wurden, und kein Ende der Kämpfe in Sicht war, beschlossen die Eltern, aus dem Kriegsgebiet zu fliehen.  Das ganze Denken der Eltern drehte sich darum, die  Kinder in Sicherheit zu bringen. Unterdessen nahmen in der nahen Stadt die Kämpfe an  Härte zu, überall wurden Verteidigungsstellungen errichtet, Freiwillige wurden mit Waffen ausgestattet und sogar Kinder und Jugendliche halfen beim Bau von Barrikaden. Wie schon berichtet, hatte die ukrainischen Streitkräfte alle Brücken, die in die Stadt führten, abgesperrt, sodass es den Russen nicht gelang, die Stadt einzunehmen. In der Umgebung aber wurde ein Dorf nach dem anderen von den Russen eingenommen.

Auf der Flucht

Tatsächlich hatte die Familie zunächst gar nicht daran gedacht, das Land zu verlassen, aber nun schien es mit Blick auf die Sicherheit der Kinder keine andere Wahl zu geben. Die Lage wurde immer bedrohlicher und ein Ende der Kampfhandlungen war nicht in Sicht. Das kleine Dorf, in dem sie sich aufhielten, stand zunächst noch unter ukrainischer Kontrolle, wurde jedoch bereits am nächsten Tag von der russischen Armee eingenommen.  Eine befreundete Familie war bereits zuvor nach Schweden geflohen. Also machten sie sich am 3. März in einem „Mercedes Vito“ auf den langen und gefährlichen Weg. Das Ziel der Reise sollte das weit entfernte Hamburg sein, wo bereits seit acht Jahren ein Verwandter lebte; andere Ziele im Ausland hatten sie nicht. In dem geschlossenen Auto, am Steuer saß Oleksandr, befanden sich insgesamt zehn Personen, darunter fünf Kinder, die ebenso wie einige Erwachsene auf dem Boden im dunklen hinteren Teil des Wagens sitzen mussten. Sitze gab es keine. Dabei trat ein Problem gleich zu Beginn auf:  Es ging darum, Dieselkraftstoff für den „Vito“ zu beschaffen, da es an den Tankstellen keinen mehr gab. In dem Zusammenhang berichtete das Ehepaar von einer erwähnenswerten kleinen Begebenheit. Als sie in der Nähe des Dorfes einen geparkten Lkw sahen und den Fahrer um den benötigten Kraftstoff baten, wollte dieser sich vergewissern, dass es sich tatsächlich um ukrainischen Landsleute handelte, Russen wollte er offensichtlich nichts abgeben. Dabei gilt die Aussprache des Wortes „Palyanytsia“ – der Bezeichnung für traditionelles ukrainisches Brot – für alle Ukrainer als ein untrügliches Erkennungsmerkmal, anhand dessen sie ihre Landsleute von Russen unterscheiden können. Erst nachdem Viktoriia und Oleksandr ihre ukrainische Identität durch die unverwechselbare ukrainische Aussprache dieses Wortes bestätigt hatten, übergab der Fahrer ihnen einen Kanister mit dem benötigten Dieselkraftstoff.

Die Flucht führte die Familie mitten durch das Kriegsgebiet, vorbei an rollenden Panzern und anderen Militärfahrzeugen.

Die Fahrt selbst erwies sich als äußerst beschwerlich und gefährlich. Viele Straßen waren gesperrt, andere von endlosen Flüchtlingskolonnen verstopft. Dazwischen tauchten immer wieder Militärfahrzeuge und Panzer auf, sodass man stundenlang im Stau stehen musste, während überall um sie herum Explosionen zu hören und zu sehen waren. Da sie ständig an Kontrollpunkten vorbeifahren mussten, hinter denen die Straße gesperrt war, waren sie gezwungen,  erhebliche Umwege in Kauf zu nehmen und teilweise auf schmalen, schlecht ausgebauten Straßen zu fahren. Da weder das Navi noch das Internet mehr funktionierten und die meisten Verkehrsschilder entfernt worden waren, um den Russen die Orientierung zu erschweren, mussten sie sich auf ihren eigenen Orientierungssinn verlassen, obwohl an großen Kreuzungen manchmal zivile Freiwillige standen, die den Verkehr regelten. Einmal gerieten sie mit ihrem Auto voller Kinder  mitten in eine Militärstellung im Kampfgebiet, sodass sie so schnell wie möglich umkehren mussten.

Über Lemberg (Lwiw) nach Polen und Deutschland

Unter normalen Bedingungen hätte die Fahrt nach Lemberg (Lwiw), das unweit der polnischen Grenze liegt, einen Tag gedauert. Unter diesen Umständen dauerte die Reise jedoch fünf Tage, wobei man aufgrund der nächtlichen Ausgangssperre nur tagsüber fahren durfte. Der Fluchtweg führte über Boryspil in der Nähe von Kiew, Tscherkassy, die Region Winnyzja, Chmelnyzkyj und schließlich nach Lemberg. Überall stießen sie auf solidarische Unterstützung, sowohl seitens der Kirchengemeinden als auch seitens der einfachen Einwohner, die bereitwillig ihre Wohnungen zur Verfügung stellten.  Allen fliehenden Menschen, wurde kostenlose Unterkunft und Verpflegung angeboten.

In Lemberg, kurz vor der Einreise nach Polen, ließen sie ihren „Mercedes Vito“ auf unbestimmte Zeit auf einem kirchlichen Parkplatz stehen. Von dort aus fuhren sie mit zwei von einer Baptisten-Gemeinde organisierten Autos zur Grenze. Die Grenze überquerten sie zu Fuß, nachdem sie mehr als sechs Stunden auf der Straße in der Warteschlange gestanden hatten. Nachdem sie die Grenze zusammen mit anderen Ukrainern überquert hatten, die ebenfalls versuchten, ihre Familien vor dem Krieg zu retten, gelangten sie nach Przemyśl in Polen, wo die Aufnahme der Menschen bereits sehr gut organisiert war. Nach einigen Stunden fuhren sie mit dem Bus weiter nach Warschau, wo sie in einer großen Ausstellungshalle untergebracht und mit allem Nötigen versorgt wurden.

In Warschau verbrachten sie zwei Tage und überlegten, wie es weitergehen sollte. Zu diesem Zeitpunkt waren in der großen Halle bereits mehr als 1.500 Klappbetten für Menschen eingerichtet worden, die vor dem Krieg fliehen mussten. Da die Familie jedoch vorhatte, nach Hamburg zu gelangen, fuhren sie am nächsten Tag mit dem Zug weiter nach Berlin. Da sie alle erforderlichen Dokumente bei sich hatten, verlief die Einreise nach Deutschland reibungslos. An den Bahnhöfen reichten ihnen fürsorgliche Menschen und Freiwillige  durch die Fenster Wasser und Butterbrote. Schließlich erreichten sie Berlin, wo es am Bahnhof ebenfalls eine gut organisierte Anlaufstelle für Flüchtlinge gab, an der die notwendige Hilfe, einschließlich der nötigen Dolmetscher, bereitgestellt wurde. Von dort aus konnte die Familie D. ihre Reise mit dem Zug nach Hamburg, dem Endziel ihrer Reise, fortsetzen.

Am Hamburger  Hauptbahnhof wurden sie von ihrem Bekannten aus der Ukraine empfangen, zu dem sie eigentlich unterwegs waren. Er führte sie zu einem Bus, der sie zu einer Notunterkunft brachte. Genau hier kamen Viktoriia und Oleksandr zum ersten Mal mit der akribischen deutschen Bürokratie in Berührung, zumal sich die Welt zu dieser Zeit mitten in der Corona-Krise befand. Neben zahlreichen Formalitäten mussten sie sich wiederholt einem Coronavirus-Test unterziehen, was jedes Mal mit endlos langen Wartezeiten, dem Stehen in Warteschlangen und dem Ausfüllen von Formularen verbunden war. Sie übernachteten in einer Notunterkunft in Hamburg-Rahlstedt und wurden anschließend mit dem Bus nach Ratzeburg gebracht, wo sie in der Turnhalle einer örtlichen Schule untergebracht wurden.

In Hamburg-Rahlstedt, beengt, aber in Sicherheit

Hier in Ratzeburg fand eine weitere bürokratische Registrierung statt sowie ein weiterer, überall vorgeschriebener Corona-Test für die ganze Familie. Für Verpflegung und Betreuung sorgten das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und weitere Freiwillige. Trotz der hohen Belastung hatten all diese Menschen die Aufnahme gut organisiert, so die Wahrnehmung der Familie im Nachhinein.

Ankunft in der neuen Heimat

Viktoriia und Oleksandr beschlossen, im Herzogtum Lauenburg zu bleiben und nicht nach Hamburg zurückzukehren, das eigentlich das Endziel ihrer Flucht gewesen war. Mit Blick auf die Zukunft ihrer Kinder erschien ihnen das ländliche Herzogtum sicherer als die benachbarte Millionenstadt, und so wurden die Flüchtlinge auf die verschiedenen Ämter des Landkreises verteilt. So kamen sie nach Berkenthin. Das hiesige  Amt wies ihnen eine von zehn Wohnungen in der Flüchtlingssiedlung in Sierksrade zu, wo sie die nächsten anderthalb Jahre verbringen sollten.

Hier, umgeben von Familien unterschiedlicher Herkunft, die jedoch alle Flucht-Erfahrungen gemacht hatten, gelang es ihnen, sich relativ schnell an die fremde Kultur anzupassen. Dabei zeichnete sich die Familie durch den festen Willen aus, sich so schnell wie möglich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Da keiner von ihnen Deutsch sprach oder verstand, besuchten sie mit Vermittlung der Verwaltung Deutschkurse in Mölln und im Familienzentrum in Berkenthin, während die Kinder von Anfang an den Unterricht an der Stecknitzschule besuchten und schnell eine gemeinsame Sprache mit Gleichaltrigen fanden. Hilfreich waren auch die regelmäßigen Besuche im „Café International“ im Familienzentrum, wo man ihnen bei der Erledigung von Formalitäten, der Arbeitssuche und dem Sprachenlernen half. Nicht weniger wichtig war jedoch der Erfahrungsaustausch mit anderen Familien aus aller Welt und die Aufnahme in die neue Gemeinschaft.

Angekommen

Angetrieben von dem dringenden Wunsch, schnell Teil der deutschen Gesellschaft zu werden, fand Oleksandr bald eine Stelle in seinem Beruf als Kfz-Mechatroniker. Der Kontakt zu seinem neuen Arbeitgeber kam gerade über „Cafés International“ zustande. In der Zwischenzeit hatte auch Viktoriia dank derselben Begegnungsstätte ihre neue Berufung gefunden und erfolgreich eine Ausbildung zur SPA-Fachkraft abgeschlossen, während sie in einem örtlichen Kindergarten arbeitete; 2026 beginnt sie eine Weiterbildung zur Erzieherin. Die ältere Tochter lernte und arbeitete ebenso wie ihre Mutter in einem Kindergarten, allerdings in Krummesse. Ihr Ziel ist es, Grundschullehrerin oder Mathematiklehrerin zu werden. Die Zwillinge gehen 2026 weiter zur Schule, spielen Fußball beim TSV Berkenthin und haben sich längst in den deutschen Freundeskreis integriert.

Wegen der beengten Wohnverhältnisse in der Wohnung in Sierksrade, kam die Familie vorübergehend zunächst in ein Haus in Düchelsdorf und 2025 zog sie schließlich nach Berkenthin um. Sie hat deutsche Freunde und nimmt, wo immer es möglich ist, am lokalen Leben teil. Die Familie D, die 2022 unter dramatischen Umständen gezwungen war, ihre ukrainische Heimat zu verlassen, bezeichnet sich selbst als ein Beispiel einer gelungenen Integration.

(Aufgezeichnet nach einem Gespräch im Juli 2026, VP)